News 22.01.2010

Was reitest du eigentlich?

Ich bin Freizeitreiterin.

Können Sie es schon bei dieser Antwort belassen oder fangen Sie dann auch erst mal an zu erklären?
Also ich ertappte mich kürzlich erst wieder dabei, wie ich auf diese Frage einer Fremden, die mich und Morti nicht persönlich kennt, ein mittellanges Referat anschließe. Ein solches beginne ich dann für gewöhnlich mit den einleitenden Worten, dass ich sehr wohl anspruchsvoll sei und feines Reiten für mich oberste Priorität hätte, mich halt nur die Teilnahme an Turnieren nicht die Bohne reize. Und dann referiere ich über meine Erfahrungen mit Bodenarbeit, Freiheitsdressur, Zirkuslektionen, Gymnastizierung an der Longe, über wunderschöne Spazierritte (ach ja, übrigens doch auch im Schnee! Herrlich!) über Vorbilder wie Claus und Nathalie Penquitt, Richard Hinrichs oder Günther Wamser, denn auch ausgedehnte Wanderritte gehörten unbedingt zu dem, was ich mit Morti in den kommenden Jahren erleben möchte. Über den Partner Pferd ...
Dann, eigentlich doch gerade erst warm gelaufen, zwinge ich mich dazu, meinen Redeschwall zu unterbrechen. Denn es drängt sich mir nun der Gedanke auf: Schäme ich mich etwa gerade für das Wort „Freizeitreiterin“? Ist mein Redeschwall eine Rechtfertigung?!?

Warum muss ich so viele Worte machen und andere sagen nur „Nächste Saison starten wir L“ und meinen dann, alles um sie herum erstarre ehrfürchtig, womit sie zum Teil natürlich auch Recht haben?!? Liegt meine Unsicherheit daran, dass möglicherweise für Viele „Freizeitreiten“ immer noch einen negativen Beiklang hat? Klingt das etwa immer noch nach „nur“ Freizeit und Reiterei Zweiter Klasse? So nach „einfach geradeaus reiten und oben drauf bleiben“? Und das noch immer, wo sich die Freizeitreitszene während der letzten Jahrzehnte doch längst als eine anspruchsvolle, alternative und pferdefreundliche Trainingsmöglichkeiten erschließende Szene etabliert und viele Freunde, Anhänger, Vorbilder und Sprachrohre, die, wie man meinen sollte den Begriff mit Stolz in den Mund nehmen, gefunden hat. Trotzdem es so viele Vorbilder für exzellent ausgebildete Freizeitpferde und einen respektvollen, pferdegerechten Umgang mit dem Pferd gibt, bleibt der Begriff zweischneidig, „die Gurke schwingt mit“.

Ohne die Impulse der Freizeitreiterszene würden die meisten Pferde in Deutschland immer noch in miefigen Innenboxen gehalten. Offenstallhaltung oder Paddockboxen wären kein Thema. Ohne die Impulse der anspruchsvollen Freizeitreiterszene hätten wir nie gelernt, über den Tellerrand herauszuschauen und das Beste aus klassischer Dressur, Western, Iberischer Reitweise und Islandpferdereiterei miteinander zu verbinden.  Ohne die Impulse der Freizeitreiterszene würden wir alle gleich gekleidet sein, würden unsere Pferde gleich gesattelt und gezäumt haben, gäbe es nur Schema F.  Ohne die Impulse der Freizeitreiterei würde sich der Umgang mit dem Pferd tatsächlich nur auf Reiten beschränken. Zirkuslektionen und Bodenarbeit wären nur in wenigen Schulen der klassischen Dressur noch eine diskutable Alternative und Ergänzung zur Arbeit unterm Sattel.

Ohne die Freizeitreiterei...,  nein, ohne die Freizeitreiterszene würde mir Reiten und der Umgang mit Pferden keinen Spaß machen. Ich bin Freizeitreiterin. Punkt. Für jetzt und zukünftig Ende der Ansage.

Lieben Dank und viele Grüße an Nadine R. aus Kiel, Turnier- und Freizeitreiterin, die zuletzt ein mittellanges Referat auf ihre Frage, was ich denn reite, von mir zur Antwort erhielt ...

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